Den Hocker stelle ich auf die Säule. Fertig!

6. August 2009

Konstantin Skudler ist deutscher Gedächtnismeister. Er erklärt, wie man sich viele Ziffern in wenigen Minuten merkt.

Das Gespräch führte Carolin Möllmann

Konstantin Skudler ist seit dem Wochenende deutscher Gedächtnismeister bei den Kindern. Im Herbst fährt der zehnjährige Schüler zur Weltmeisterschaft nach London. Beim Interview mit ihm redete auch sein Vater Jörg mit.

Hallo Konstantin, herzlichen Glückwunsch zum Gewinn der Deutschen Meisterschaft.

Dankeschön!

Du hast dir am Wochenende in fünf Minuten 100 Zahlen gemerkt, kannst du dich noch an die ersten zehn erinnern?

Nein.

Aber bestimmt kennst du alle Telefonnummern deiner Freunde und Verwandten?

Nein, die kenne ich auch nicht alle. Zumindest merke ich mir die nicht so wie die Zahlen beim Wettbewerb.

Wie hast du dir die denn gemerkt?

Für jede Zahl von 0 bis 99 habe ich ein Bild im Kopf. Dann mache ich eine kurze Geschichte aus einem Bild und einem Routenpunkt. Die Routenpunkte sind Dinge auf einem bestimmten Weg durch unsere Wohnung. Das wiederhole ich für alle Zahlen, die ich mir merken will.

Wie merkst du dir zum Beispiel 508?

Also die 05 08?

Ja genau.

Die 05 ist eine Säule, aber eine kurze, eine, die noch nicht bis an die Decke geht. Und der erste Routenpunkt ist ein Hocker. Den Hocker stelle ich auf die Säule. Fertig! Was war die andere Zahl noch mal?

Die 08.

Ja, das ist Seife. Und der nächste Routenpunkt in meinem Kopf ist der Schrank. Und die Seife und der Schrank …

Konstantins Vater Jörg macht einen Vorschlag: Der Schrank ist voller Seife und die Seife schäumt schon aus dem Schrank raus …)

Konstantin: Nein, der Schaum steht doch schon für die 63, das geht also nicht!

Vater: Na gut, dann ist der Schrank halt ganz glitschig.

Konstantin: Genau, der Schrank ist eingeschmiert mit der Seife und ganz glitschig.

Vater: Tja, je verrückter die Geschichten, desto besser kann er sie sich merken.

Es gibt verschiedene Disziplinen bei den Meisterschaften. Was ist denn deine Lieblingsdisziplin?

Der Binärziffernmarathon. Binärziffern kann ich mir genauso gut merken wie andere Zahlen. Beim Binärziffernsprint hat man nur fünf Minuten Zeit, sich die Zahlen zu merken. Aber beim Marathon, den es leider nur bei der Weltmeisterschaft gibt, hat man 60 Minuten Zeit zum Einprägen. Da bin ich manchen Konkurrenten voraus, weil ich mehr Routenpunkte habe als sie. Und die, die weniger haben, müssen früher aufhören als ich, weil sie keine Routenpunkte mehr haben.

Wie viele Konkurrenten hattest du denn diesmal?

Acht Konkurrenten.

Und kanntest du einige davon schon?

Nicht so viele.

Vater: Es gibt meistens weniger Kinder als Junioren oder Erwachsene. Außerdem steigen die Kinder eher mal aus und machen etwas anderes. Zwei Kinder kannten wir aber von anderen Wettbewerben.

Konstantin: Nein, ich kannte drei der Kinder.

Vater: Gut, dann waren es eben drei. Das passiert ihnen mit hochbegabten Kindern: Sie verbessern einen dauernd.

Wie oft hast du denn für die Deutsche Meisterschaft trainiert?

Selten.

Wieso das denn?

Ich hatte keine Zeit. Wir sind gerade im Urlaub in Tirol und wir gehen viel wandern oder ins Schwimmbad. Aber vor den Ferien habe ich regelmäßig in einem Kurs der Hochbegabtenförderung e. V. trainiert. Und vor der nächsten Weltmeisterschaft im November 2009, da werde ich jeden Tag etwas tun. Mir machen Zahlen viel Spaß, aber manchmal sind mir auch meine anderen Hobbys Klavierspielen oder Karate wichtiger.

Hilft dir deine Begabung in der Schule?

In Mathe bin ich ein bisschen schneller. Aber bei anderen Aufgaben sind andere wieder besser. Die ganze Klasse an meiner Schule, dem Heinrich-Hertz-Gymnasium in Friedrichshain, ist sehr leistungsstark. Ich gehe dort in die siebte Klasse und die meisten Schüler sind zwei Jahre älter als ich.

Welches Fach in der Schule magst du denn gar nicht?

Mein schlechtestes Fach ist Geschichte. Da habe ich auf dem Zeugnis nur eine Drei bekommen. Die Vergangenheit interessiert mich nicht so sehr.

Nervst du manchmal deine Eltern, weil du so viel weißt?

Konstantins Vater lacht: Was heißt denn hier manchmal? Manchmal nervt Konstantin auch nicht!

Quelle: Berliner Zeitung, 6.8.2009