Die Frau die nichts vergisst

20. Mai 2008

Die 42-jährige Jill Price aus Kalifornien verfügt über ein absolutes Gedächtnis. Seit ihrem achten Lebensjahr kann sie sich an jeden Tag, jede Stunde, jede Minute erinnern. Jetzt hat sie ein Buch über ihr Leben geschrieben

Am 30. Mai 1978 befiel ein zwölfjähriges Mädchen in Los Angeles zum ersten Mal die Ahnung, es stimme etwas nicht mit ihrem Gedächtnis. Am 5. Februar 1980 begriff Jill, dass sie nicht vergessen konnte. Kein Gespräch, keinen Hausschlüssel, kein Gefühl, keine Stunde. Nichts, niemanden, nie mehr.

Seit jenem Tag wird Jill Price (42) von absoluter autobiografischer Erinnerung gejagt, tyrannisiert, selten einmal getröstet. Sie lebt, bestürmt von Myriaden von Bildern und Wortfetzen, mit einer geteilten Leinwand, in der sich alte Assoziationen mit Realzeiterleben, ungezählte Seifenopern mit Familienszenen mischen, wie in einer gleißend hellen Einzelzelle. Sie entkommt nicht, und niemand kann die Tür öffnen. Sie selbst nennt sich eine “Gefangene ihrer Erinnerungen”. Ihre Hoffnung ist, eines Tages in die Rolle der Aufseherin wechseln zu können.

Kann ein Mensch lieben, ohne zu vergessen? Kann vergeben, wer nie vergessen darf? Wie kann eine Frau bei Sinnen bleiben, wenn sie sich ausnahmslos, gnadenlos erinnert? Jill Price hat schlimme Krisen durchlitten, Depressionen, die sie über Monate in ihr Zimmer bannten. Sie ringt mit ihrer Hellsichtigkeit, wie wir anderen von Vergesslichkeit gepeinigt werden. Ärzte erfanden für ihre in der Fachliteratur einmalige Gabe, die sie vor Jahrhunderten auf den Scheiterhaufen oder auf den Jahrmarkt gebracht hätte, den griechischen Namen eines Leidens an exzessivem Erinnerungsvermögen: “Hyperthymnestic Syndrome”. Sinnlicher, wenngleich nicht leichter fassbar, beschreibt es der Titel ihrer Memoiren: “Die Frau, die nicht vergessen kann.”

Sechs Jahre lang haben Gehirnforscher an der University of California, Irvine, Jill (”AJ”) getestet. Im Februar 2006 setzten sie ihr ein Denkmal mit der Studie “Ein Fall von ungewöhnlichen autobiografischen Erinnerns” in dem Fachjournal “Neurocase”. Der Leiter ihres Teams, Jim McGaugh, wagt nicht zu entscheiden, ob sie mit ihrer Fähigkeit gesegnet ist oder geschlagen. Aus Sicht der Wissenschaft habe ihre Gabe “beträchtlichen Wert”, sagt McGaugh, doch sehe sie das meist nicht so. Jill Price notiert: “Stell dir vor, dich an jeden Streit erinnern zu können, den du je mit einem Freund hattest; an jedes Mal, als dich jemand enttäuschte; an all die dummen Fehler, die du gemacht hast; an die gemeinsten Dinge, die du jemandem gesagt hast und die je jemand zu dir gesagt hat. Und nun stell dir vor, das alles nicht aus deinem Kopf zu bekommen, so sehr du es auch versuchst.”

Zu den bestürzendsten Empfindungen bei der Lektüre von “The Woman Who Can’t Forget” zählt jedoch die kalendarisch belegte Banalität eines Daseins. Anders als wir, die wir unsere Lebensgeschichte ständig filtern und durch selektives Erinnern und Vergessen umschreiben, kann sich Jill Price die Nichtigkeit der meisten Tage nicht ersparen. “Ich sitze in meiner Höhle, schaue und warte” verzeichnet sie für den 3. Oktober 1995. Sie weiß, was sie an jedem Wochentag aß, was sie im Fernsehen sah (sie nennt sich einen TV-Serien- und News-Junkie), wie das Wetter war. Sie erinnert blitzartig, ohne Nachdenken, wo sie war, als Elvis starb, was sie anhatte, als die “Challenger” explodierte, wie ihre Mutter gelaunt war, als die Meldung vom Ausbruch des ersten Irakkriegs kam. Se kennt alle Sendedaten und Dialoge von “Dallas”.

In Jills Worten klingt das so: “Ich weiß, dass Bing Crosby auf einem Golfplatz in Spanien am Freitag, den 14. Oktober 1977 starb… ich hörte davon, als ich von meiner Mutter zum Fußballtraining gefahren wurde.” Stolz und eine gewisse Scham über die monströse Belanglosigkeit ihres fotografischen Gedächtnisses klingen aus vielen Stellen in ihren Memoiren. James McGaugh beschreibt, wie er sie anfangs einmal bat, die Daten und Aktivitäten der Ostertage aus den letzten zwanzig Jahren aufzuschreiben. Nach zehn Minuten war ihre Liste fertig: “Sie irrte sich bei nur einem Datum um zwei Tage, und sie ist Jüdin!” Als Elvis Presley am 16. August 1977 starb, war sie elf Jahre alt. Nicht dass der König des Rock’n'Roll tot war, prägte sich ein. Sondern die Radiomeldung, die sie hörte, als “meine Mutter und ich gerade in unsere Einfahrt fuhren; ich kam gerade von meinem ersten Zahnspangentermin beim Zahnarzt.”

Die Welt drehte sich um Jill, Weltgeschichte lagert sich auf ihrem Alltag ab. Sie lebt notgedrungen, was Millionen junger Leute im Internet auf MySpace und YouTube zur möglichst totalen Dokumentierung ihres Daseins treibt. Während die exhibitionistische Spitze der Bloggersphäre meint, jeden Lebensmoment tief auszukosten, indem sie über ihn und sich schwatzt, beschreibt Jill Price ihre Erinnerungsgewitter mit Furcht. Um das Chaos zu bändigen, wenigstens manchmal, hat sie Techniken wie das “chaining” entwickelt. Auf bestimmte Reize hin - ein Song, ein Geruch, ein Name, ein Datum - verkettet sie alle ähnlichen Daten in Reihen. Denkt sie an einen 4. Juli, fallen alle ihre 4. Juli ins Glied. “Travelling”, Zeitreisen, nennt sie den Impuls, aus einer Depression in ihre schönsten, liebevollsten Erinnerungen zu fliehen. Hier ist ein Segen, was sie oft genug martert: Die Gefühle des kleinen Kindes Jill sind nicht durch Erwachsenwerden gemildert. Sie erlebt sie so furchteinflößend, beglückend, überwältigend wie einst.

“Um die Wahrheit zu sagen, ich hasse die Vorstellung, etwas zu vergessen. Ich bin glücklich, dass ich mich an so viele Episoden von so vielen TV-Shows erinnern kann.” So schreibt Jill Rice, fast trotzig. Sie gibt zu, wie unbegreiflich es ihr ist, was ihre Freunde alles vergessen. Wo sie ihren ersten Freund trafen, wann sie zum ersten Mal in Disneyland waren. Welch eine Verschwendung, meint Jill, welch verlorene Freude und Wonne. Doch versteht sie das Tauschgeschäft. Die Gnade des Vergessens von Fehlern, Schuld, Enttäuschung, Zurückweisung, niemand ist eine Sonnenuhr. Jill hat ihre Memoiren zusammen mit Bart Davis, einem professionellen Autor, verfasst. Sie sind reich an literarischen Bezügen und neuropsychologischem Wissen. Da ist der große spanische Regisseur Luis Bunuel, der über das Vergessen klagt: “Leben ohne Erinnerung ist kein Leben…ohne sie sind wir nichts.” Dazu bemerkt später William James (”The Principles of Psychology”): “Wenn wir uns an alles erinnerten, wären wir in den meisten Fällen ebenso krank wie wenn wir uns an nichts erinnerten.”

Jill muss ein schwieriges, manchmal ein schreckliches Mädchen gewesen sein. Sie hing abgöttisch an ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder, doch vergaß sie nie ein böses, ungerechtes Wort. Sie war auf unschuldige Weise nachtragend und rechthaberisch. “Vergiss es!” prallte an ihr ab; der Rat ihrer Mutter, nicht alles so schwer zu nehmen, verhallte. Jill sammelte obsessiv Puppen, Stofftiere (darunter, bis heute, 150 “Beanie Babies”), jede Schallplatte und CD, die sie bekommen konnte. Nichts durfte verändert werden. In ihrem Kontrollwahn begann sie, Tagebuch zu führen; ihre Aufzeichnungen, mit einer winzigen Handschrift auf langen Papierrollen geschrieben, würden mehr als 50 000 Druckseiten umfassen. Ihre “Journals” dienten Jim McGaugh und seinem Team als Beweismittel für die Genauigkeit ihrer Erinnerung. Sie irrt nie. Was nicht heißt, dass sie ein gutes konventionelles Gedächtnis hätte. Im Gegenteil: Jill Telefonbücher oder Zahlenreihen zum Lernen zu geben, ist sinnlos. Ihre Gabe, die ganz von ihrem Erleben definiert ist, eignet sich kaum zur Ausbeuten in TV-Shows.

Die Ärzte glauben, dass der Schock des Umzugs von New York nach Los Angeles für die Achtjährige traumatisch war. Fortan lebte sie in Angst und in der Vergangenheit. Alle Tragödien sind frisch in Jills “Total Recall”: Ihr Vater, Künstleragent in Hollywood mit vielen prominenten Freunden und offenbar reichlich Geld, verließ für Jahre die Familie; die Mutter wurde zweimal wegen Gehirntumoren operiert; Jill litt unter Verlassensängsten, die sie aus dem College wieder nach Hause trieben. Später verlor sie ihre Arbeit in der Unterhaltungsindustrie, sank in Depressionen, wurde immer einsamer und dicker. Wie ihre Mutter es, wiederum mit traumatischen Folgen, immer prophezeit hatte: “Wenn du Junk Food ist, werde ich sterben.” Pubertätsessen als Mordversuch.

Die Memoiren der Frau, die nicht vergessen kann, enden mit dem Gedenken an ihren Jim, wie sie mit einer Hommage an einen anderen Jim begannen. Dass Jill ihren Mann Jim Price verlor, der im September 2004, nach nur zwei Jahren Ehe, an den Folgen seiner Diabetes starb, ist die wahre Tragödie ihres Lebens. Sie erlebt den Tag wieder und wieder. Er konnte mit ihr umgehen, er machte sie glücklich. Ihr Buch beginnt mit der Danksagung an Jim McGaugh, ihren Vertrauensarzt und Retter aus dem Kerker. Als McGaugh auf ihre erste E-Mail innerhalb von 90 Minuten antwortete, schrieb sie den 8. Juni 2000. Am 24. Juni trafen sie einander zum ersten Mal. Der 24. Juni: der Tag, an dem 1922 Walter Rathenau erschossen wurde. An dem die Beatles 1961 “If you love me, Baby” aufnahmen. Aber lassen wir das.

Quelle: Berliner Morgenpost

Perlas before swine - Perlen vor die Säue werfen

16. Mai 2008

Welche Perlen sollte ich nehmen?

Ein sehr interessantes kleines Game für die grauen Zellen.

Sinn des Spieles ist es, dem Gegner zu zwingen die letzte Perle zu nehmen. Wer diese nehmen muss hat das Spiel verloren.

Die Regeln:
- Die Perlen die zu sehen sind, sind in drei Reihen aufgeteilt
- Es wird abwechselnd gezogen
- Du kannst so viele Perlen aus einer Reihe nehmen wie Du willst.
- Ziel ist es nicht die letzte Perle zu nehmen
- Wenn Du mit Deinem Zug fertig bist drücke auf “GO”
- Zum beginn eines neuen Spiels drücke auf “NEW”

Es ist etwas knifflig aber auch machbar.

Zum ersten Start drücke unten rechts auf “Play”

Viel Spaß