Fitness für die grauen Zellen
24. Februar 2007 von Michael Gloschewski
Nicht nur den Körper, auch das Gehirn kann man trainieren
Bericht aus der Beliner Zeitung vom 24.02.2007 in der Beilage “Fit in Berlin”
Wenn sich Michael Gloschewski Pin-Nummern merken will, dann überlegt er sich Bilder für die einzelnen Zahlen. Die Vier ist ein Stuhl, weil der vier Beine hat, eine Sanduhr steht für die Acht, für die Fünf stellt sich der 35-Jährige eine Hand vor. Die Begriffe verknüpft er dann zu einer kleinen Geschichte. “Und die vergisst man nie wieder, ich weiß heute noch die Pin-Nummern von Karten, die ich schon seit Jahren nicht mehr habe”, sagt er.
Michael Gloschewski ist Gedächtnistrainer. In seine Seminare kommen Leute, die von sich sagen, dass sie ein schlechtes Gedächtnis haben. Sie haben das Gefühl, sich nichts richtig merken zu können, ständig Namen, Adressen oder Zahlen wie Pin-Nummern zu vergessen. “Aber merken können die sich schon was, das liegt alles im Unterbewusstsein und man muss nur einen roten Faden so legen, dass man die Infos wieder findet, wenn man sie braucht”, erklärt Gloschewski. Das träfe auch auf Senioren zu, die könnten sich genauso viel merken wie Jüngere, nur für die Einspeicherung bräuchten sie länger.
Der Gedächtnistrainer bringt den Vergesslichen Techniken bei, die man im Alltag anwenden kann, um sich etwas zu merken. Dabei geht es immer darum, die Informationen zu verbildlichen und beide Gehirnhälften zu benutzen. “Schon mit wenig Training stellt sich ein Effekt ein”, sagt Gloschewski. Er ist von den Möglichkeiten des Gedächtnistrainings so begeistert, dass er seit drei Jahren auch Gedächtnissportler ist und an Deutschen Gedächtnismeisterschaften teilnimmt. Dort misst er sich mit anderen im Zehnkampf, bei dem man sich innerhalb bestimmter Zeitspannen möglichst viele Begriffe oder Zahlen merken muss. “Das hilft auch im Alltag, denn man lernt, sich auf sein Gedächtnis zu verlassen”, sagt Gloschewski.
Während das Gedächtnistraining Strategien und Techniken vermittelt, die das Gedächtnis unterstützen, verbessert Gehirnjogging die geistige Leistungsfähigkeit insgesamt. “Das ist eine Methode, sich schnell geistig fit zu machen”, sagt Siegfried Lehrl, Medizinpsychologe an der Universität Erlangen. Er ist auch Vorsitzender der Gesellschaft für Gehirntraining und hat das Gehirnjogging in den 80er-Jahren nach wissenschaftlichen Kriterien entwickelt und 1992 mit dem Begriff Mentales Aktivierungstraining (MAT) präzisiert.
Spezielle “Jogging-Übungen” bringen das Gehirn in Schwung und verbessern gezielt die Voraussetzungen für geistige Leistungen wie Lernfähigkeit, Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnis. Es reiche, täglich zehn Minuten zu trainieren, sagt Lehrl. Wichtig sei allerdings regelmäßiges Training. Studien haben gezeigt, dass man auf diese Weise bereits in vier bis sechs Wochen das Maximum seiner geistigen Leistungsfähigkeit erreichen kann, schneller und effizienter arbeitet und dadurch im Alltag Zeit spart. Probanden von Lehrl steigerten ihren Intelligenzquotienten um 15 Prozent – nach nur zwei Wochen Gehirnjogging. Wenn man mit dem Training allerdings aufhört, dann sinkt der IQ auch wieder.
Geeignet ist sowohl Gedächtnistraining als auch Gehirnjogging für jeden, denn man weiß heute, dass sich auch im Alter Nervenzellen nicht nur neu verflechten, sondern sogar nachwachsen können. Die frühere Annahme, das Gehirn des Menschen sei zum Ende der Pubertät fertig entwickelt, ist damit widerlegt.
Quelle: Berliner Zeitung

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