Wenn man Gesichter nicht erkennt …
7. Januar 2007
Von Elke Bodderas / Berliner Morgenpost vom 7.01.2007
Millionen Deutsche leiden unter einer kaum erforschten Erbkrankheit.
Seltsames Kind. Es geht jeden Morgen als Erstes zum Schuhregal. Es betrachtet die abgestreiften Schuhe aller Kinder des Kindergartens, dann ist es zufrieden. Sie weiß jetzt, wer schon gekommen ist, die beste Freundin, der Rest ihrer Sandkasten-Clique. Sie sieht es an den Schuhen, weil sie es an den Gesichtern nicht erkennen kann. Die, mit denen sie den ganzen Tag spielt, die Kinder, die ihre besten Freunde sind - sie stehen in greifbarer Nähe. Aber sicher erkennen anhand von Auge, Nase, Mund kann sie sie nicht. Erst mit den Schuhen ist sie sich ganz sicher.
Diese Kindergartenszene ist nicht erfunden, nicht konstruiert. Sie ist vielfach wahr, das zeigt eine bisher unveröffentlichte Erhebung der Universität Münster. Fast zwei Millionen Deutsche laufen ins Leere, sobald sie Gesichter sehen. “Etwa zwei Prozent der Bevölkerung leiden unter dieser Wahrnehmungsstörung”, sagt Thomas Grüter, Arzt und selber betroffen. Prosopagnosie heißt das Leiden. Der Begriff ist dem Altgriechischen entlehnt und heißt so viel wie Nichterkennen von Gesichtern. Die Betroffenen selber nennen sich “gesichtsblind” - das erinnert an “farbenblind” oder “nachtblind”.
Das trifft aber nicht ganz das, was sie beim Betrachten von Gesichtern tatsächlich wahrnehmen. Prosopagnostiker sind wie Menschen ohne musikalisches Gehör: Sie können Gesichter sehr wohl sehen, sind nicht gänzlich blind - so wie jeder Gesunde auch Töne wahrnehmen kann. Nur das Differenzieren gelingt nicht. Keine Melodie entsteht, das Gesicht lässt sich nicht als vertraute Gesamtkomposition zusammenfügen.
“Ich kann unterscheiden, ob es sich bei einer Person um einen Mann oder eine Frau handelt”, erklärt Grüter. Doch die Frontansicht des Kopfes sagt ihm nichts: “Ich kann nicht unterscheiden, ob es ein fremdes oder ein bekanntes Gesicht ist.”
Das kann zu schweren, beleidigenden Missverständnissen führen. Als Grüters Schulkind war, knöpften sich die Lehrer regelmäßig seine Eltern vor. Warum der Junge denn auf der Straße nicht grüße? Sogar wenn sie ihm quasi gegenüberstehen - keine Reaktion. Seltsames Kind.
Identifizieren kann Grüter eine Person erst dann, wenn sie anfängt zu reden. “Spricht mein Gegenüber mit einer bekannten Stimme, kann ich es sofort erkennen”, sagt er.
Nur langsam kommen Genetiker, Neurologen, Psychologen hinter die Ursachen dieses Defekts. Im Schläfenlappen sitzt ein hoch spezialisierter Teil des Großhirns, der für die Wiedererkennung von Gesichtern verantwortlich ist. Wenn das Auge etwa Gegenstände wie Autos oder Tische erblickt, springt dieses bestimmte Areal des sogenannten Gyrus fusiformis gar nicht erst an; zeichnet sich jedoch ein Gesicht auf der Netzhaut ab, wird dieses Hirnareal blitzschnell aktiv.
Offenbar scheint das menschliche Gehirn alle optischen Eindrücke zunächst schubladenhaft danach abzusuchen, ob es sich um Gesichter oder um sonstige Objekte handelt. “Nach 170 Millisekunden haben wir eine charakteristische Welle in den Hirnströmen gemessen, die nur dann auftritt, wenn ein Gesicht gesehen wird”, beschreibt Doris Tsao von der Harvard University den neuronalen Wiedersehensmechanismus im Gehirn. Innerhalb eines Wimpernzuckens entschlüsselt das Hirn die Proportionen des Gesichtes - also den Abstand zwischen Augen, Nase und Mund. In den Hirnströmen der Prosopagnostiker fehlt genau dies. “Der Zugriff auf den Speicher mit bekannten Gesichtern ist ihnen verwehrt”, erläutert Tsao.
“Vielleicht wurde hier in der Frühentwicklung eine Abzweigung verpasst”, spekuliert Grüter, “vielleicht die Prioritäten anders gesetzt.” Anstelle der Visualität sei möglicherweise die Sprachentwicklung gestärkt worden. “Viele Gesichtsblinde können sich extrem gut artikulieren”, sagt Grüter. Warum viele Gesichtsblinde Sprachtalente sind und ob sich dies auch statistisch manifestieren lässt, soll im Rahmen einer Studie geklärt werden.
Dass Lebewesen Gesichter erkennen, dürfte eine frühe Gabe der Evolution sein, vermuten Forscher. Es hat sich als absolut überlebenswichtig erwiesen. Mit ihrem Leben kommen Gesichtsblinde trotzdem gut klar. “Am schwersten haben es Kinder”, sagt Grüter. “Sie tun sich in der Schule meist schwer, Freunde zu finden, und fremdeln in neuen Umgebungen stärker als andere.” Viele würden fälschlicherweise für Autisten gehalten - in sich gekehrte Eigenbrötler, die Probleme haben, Kontakte zu knüpfen.
Ohne Haare
Gesichtsblinde können mit einem Antlitz nicht viel anfangen. Statt an Mund, Auge, Nase orientieren sie sich zum Beispiel der Frisur. Gesichter ohne Haare? Das macht Prosopagnostiker hilflos wie Touristen ohne Stadtplan. Auf dieser Seite sind Prominente zu sehen. Erkennen Sie sie? Falls nicht, steht aber die Diagnose längst nicht fest.
Diagnose
Eine Gesichtsblindheit festzustellen ist nicht einfach. Forscher vom University College in London haben Tests entwickelt, die die Störung aufdecken. Eine endgültige Diagnose braucht viele Sitzungen. Ein Test beschäftigt sich mit der Identifizierung von Gesichtern, die auf dem Kopf stehen. Gesichtsblinde schneiden dabei besser ab als normal Sehende.
Weitere Tests im Internet: Facebind.org
Quelle: Berliner Morgenpost vom 7. Januar 2007





