Patientin hat “perfektes” Gedächtnis
13. März 2006 von Michael Gloschewski
Gedächtniskünstler nutzen einfache Merktechniken, um große Informationsmengen in ihrem Gedächtnis abzulegen. Ohne derartige mnemonische Techniken kommt eine Frau aus, die amerikanische Neurowissenschaftler im Fachblatt “Neurocase” vorstellen. Nach ihren Erlebnissen an einem bestimmten Tag in der Vergangenheit gefragt, sprudelt die Information förmlich aus ihr hervor.
“Ihre Erinnerung arbeitet prompt und ist sehr persönlich, auf ihr eigenes Leben bezogen und auf andere für sie interessante Ereignisse”, erläutert James McNaugh von der University of California in Irvine. Für die Patientin “AJ” sei ihr enormes Gedächtnis jedoch nicht immer angenehm, so der Forscher. “AJ ist gleichzeitig Wächterin und Gefangene ihrer Erinnerungen.”
Die 40-Jährige hatte McNaugh im Jahr 2000 angeschrieben und ihre Fähigkeiten geschildert. Seitdem studieren der Forscher und sein Team die Patientin und stellen sie immer wieder auf die Probe. Beispielsweise fragten sie “AJ” im Jahr 2003 ohne Vorwarnung nach allen Osterfeiertagen seit 1980. Binnen zehn Minuten schrieb die Frau die entsprechenden Datumsangaben und ihre Erlebnisse an diesen Tagen nieder. Zwei Jahre später wiederholten die Forscher das Experiment – mit praktisch identischen Resultaten.
Laut McNaugh und Kollegen handelt es sich um den ersten beschriebenen Fall einer Störung, die die Forscher als hyperthymestisches Syndrom bezeichnen. Das scheinbar perfekte Gedächtnis hat jedoch Grenzen: So tut sich “AJ” schwer mit schlichtem Auswendiglernen und glänzte in der Schule nicht eben durch exzellente Leistungen. Wenn die Information aus ihr hervorsprudelt, tut sie dies zudem in wenig geordneter Form. Ihr Leben mit ihrem besonderen Gedächtnis beschreibe die Frau als “endlosen Film in meinem Kopf”, erläutert McNaugh. “Wenn sie die Wahl hätte, würde sie es jedoch nicht aufgeben wollen.”
Quelle: Scienceticker

shit