Er kann sich einfach alles merken
24. Juli 2005 von Michael Gloschewski
Gedächtnis-Künstler Boris Nikolai Konrad, Dritter bei Deutscher Meisterschaft
Der Hattinger Gedächtnis-Künstler Boris Nikolai Konrad hat bei den Deutschen Meisterschaften in Darmstadt den dritten Platz belegt. Jetzt fährt er zur WM. Sein größter Auftritt? Nein, der war bei “Wetten, dass . . .?”.Damals, im März 2004, war er richtig nervös, fast 16 Millionen Menschen saßen vor den Fernsehgeräten. Und trotz der Aufregung gelang es Boris Nikolai Konrad nahezu mühelos, sich 50 verschieden gedeckte Tische zu merken. 3000 Euro gewann er.
Darmstadt war anders. Die Gedächtnissportler waren unter sich. Etwa 30 machten mit, aufgeteilt in verschiedene Altersklassen. Der 21-jährige Hattinger war in der Hauptklasse dabei – er holte 5517 Punkte und belegte damit hinter Clemens Mayer (Brannenburg/7565) und Dr. Gunther Karsten (Erfurt/6822) den dritten Platz. Sein größter Erfolg bisher. “In zwei Einzel-Disziplinen habe ich sogar gewonnen”, erzählt Nikolai. Zum einen bei den historischen Daten, bei denen er sich in fünf Minuten fiktive Daten (Jahreszahlen und Ereignisse) einprägen musste – 71 gab er anschließend korrekt wieder. Zum anderen siegte er auch in der Disziplin Wörter. Dabei hatte sich der Student binnen einer Viertelstunde Listen mit Wörtern zu merken, die in keinem Zusammenhang zueinander stehen. “206 Wörter habe ich geschafft, dabei aber drei Fehler gemacht. Deshalb gab es nur 176 Punkte.” Erster in der Disziplin war er trotzdem. Insgesamt besteht der Wettkampf allerdings aus zehn Disziplinen. Und nicht in jeder hat es für ihn richtig gut geklappt. In seiner liebsten, Kartenspiel, beispielsweise überhaupt nicht. Boris Konrad musste sich die Reihenfolge eines Kartenspiels mit 52 Blatt so schnell wie möglich einprägen. Nach 38 Sekunden gab er sein Okay, vertauschte beim Aufzählen aber zwei Karten. Folge:Statt der möglichen 600 Punkte bekam er nur 80. Egal. Denn auch so war er stolz auf seine Platzierung, die er anderthalb Monate nach dem Gewinn der Norddeutschen Meisterschaft erzielte. Und in zwei Wochen steht sowieso schon der nächste Höhepunkt in Haus: Vom 13. bis 15. August findet nämlich im englischen Oxford die Weltmeisterschaft statt. Vor einem Jahr, bei der WM in Manchester, wurde Boris Nikolai Konrad Fünfter. Logisch, dass er sich verbessern möchte. Dritter vielleicht, wäre wieder so ein Ziel, “aber Erster, nein, das wird zu schwierig”. Nervös ist er nicht. Ist ja nur eine WM, ist ja kein Fernsehen dabei.
Der Gedächtnissport wurde vor etwa 20 Jahren in Großbritannien erfunden – und wird seither von Engländern dominiert. Nicht einmal hat ein Nicht-Engländer die Weltmeisterschaft, die bis auf eine Ausnahme immer in London, Manchester oder Oxford ausgetragen wurde, gewonnen. Und das, obwohl Deutschland inzwischen neben Österreich die meisten Teilnehmer zu den Titelkämpfen schickt. Aktueller Weltmeister ist Ben Pridmore.
Quelle: WAZ

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