Gedächtnis-DM war für Boris Konrad “unvergesslich”

5. Juli 2003 von  

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Alles nur eine Frage der Merk-Technik

Boris Nikolai Konrad kann sich sehr gut Dinge einprägen. Und zwar unfassbar viele. In unglaublich kurzer Zeit. Genau deshalb belegte der 19-jährige Hattinger nun bei seiner Premiere bei den Deutschen Gedächtnismeisterschaften auf Anhieb Platz acht. Ein im wahrsten Sinne des Wortes “unvergessliches” Erlebnis.

Zwei Stapel mit je 52 Karten liegen auf dem Tisch. Boris schnappt sich den ersten. Dieser wurde zuvor ebenso gewissenhaft wie kräftig durchgemischt. Dann fächert er den Haufen auf. Karte für Karte wandert von der einen Hand in die andere. Jede einzelne wird genau gemustert. Es folgt eine Wiederholung dieser Prozedur. Fertig! Zwei Minuten nach dem ersten Kontakt greift Boris zum zweiten Stapel. Und steckt die 52 Karten in exakt die Reihenfolge des ersten Haufens. Mal eben so. Als sei es nichts Besonderes. Ganz ohne Fehler. Ganz ohne Tricks. Denn statt faulen Zauber zu betreiben, vertraut das Gedächtnis-Ass lieber auf seine grauen Zellen. Und die scheinen hyperaktiv zu sein. Wie macht der das bloß? Diese Frage stellt sich ein jeder Betrachter, der Boris Konrad einmal beim tagtäglichen Training zugeschaut hat. “Ich gehe im Kopf eine bestimmte Route ab. Das kann etwa ein Rundgang durch die Wohnung sein. Entlang dieser Route habe ich feste Ablageplätze. Dort deponiere ich gedanklich das, was ich mir einprägen will – so dass ich es sofort abrufen kann”, erklärt der frisch gebackene Abiturient vom Gymnasium Waldstraße seine Technik.

Durch diese Verknüpfung von Bildern und Fakten würden, so Boris, beide Hirnhälften gleichzeitig in Anspruch genommen. Und deshalb erhöhe sich die Speicherkapazität. Normalerweise arbeitet die rechte nur bei kreativen und emotionalen Vorgängen, die linke bei logisch-rationalen. Und so wird aus zwei eigenständigen “Teilzeitarbeitern” ein kooperierendes Duo. Das richtige Sortieren von Karo-Bube, Herz-Dame und ihren 50 Artgenossen heißt im Fachjargon nur Karten-Sprint von Boris. Ausgerechnet hier patzte er bei den Titelkämpfen, deren insgesamt siebte Auflage Anfang des Monats in Weinheim (Baden-Württemberg) ausgetragen wurde. “Hätte ich beim Karten-Sprint wie gewohnt gut abgeschnitten, wäre ich in der Endabrechnung sogar fünfter geworden”, schaut der angehende Physik- und Informatik-Student etwas wehmütig zurück. “Aber immer hin hab’ ich ja eine der zehn Einzeldisziplinen gewonnen. Und dafür gab es auch eine Goldmedaille.” In jener Kategorie musste sich Boris innerhalb von nur 15 Minuten so viele Worte hintereinander merken wie möglich. Bei 141 liegt der deutsche Rekord. 140 schaffte er. Und die neue Bestleistung verfehlte er nur, weil ihm das verflixte Wörtchen “Russland” partout nicht mehr einfallen wollte. Ist diese Fähigkeit denn eine besondere Gabe? “Ein gewisses Talent und ein höherer Bildungsgrad sind hilfreich. Aber jeder Einzelne kann mit dieser Technik seine Gedächtnis-Kapazitäten in kurzer Zeit drastisch erhöhen”, behauptet Boris. “Man muss nur oft, lang und richtig trainieren.” Boris hat noch ein zweites großes Hobby: Er ist Fußball-Schiedsrichter. Pfeift für den VfL Winz-Baak Spiele bis zur Kreisliga A. Und hofft auf den baldigen Aufstieg in die Bezirksliga. “Die Antworten auf alle Regelfragen habe ich im Kopf”, stellt der Fan des VfL Bochum fest. Und Fußball-Kenner wissen, dass auch das nicht eben wenige sind. Genug geplaudert. Boris Nikolai Konrad verabschiedet sich höflich. Er muss zu einem Arzttermin. Den letzten hatte er neulich vergessen. . .

Quelle: WAZ

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